Ausgeben statt entlasten: Was Staatsausgaben im Euroraum so wirksam macht

Themenkreis Arbeitswelt und Beruf (Symbolbild)

Warum Staatsausgaben im Euroraum stärker wirken als Steuersenkungen

Wenn ein Land des Euroraums seine öffentlichen Ausgaben erhöht, treibt das die Wirtschaft weit kräftiger an, als es eine Steuersenkung vermag – egal ob das Geld in Infrastruktur fließt oder in laufenden Staatskonsum.

Zu diesem Ergebnis kommen Gökhan Ider und Malte Rieth vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin): Jeder zusätzliche Euro an öffentlichen Investitionen oder Staatskonsum lässt das Bruttoinlandsprodukt im ersten Jahr um bis zu 1,30 Euro wachsen. Steuersenkungen bringen es nur auf 30 bis 40 Cent je Euro entgangener Einnahmen.

Die Zentralbank schaut weg – und das macht den Unterschied

Der Unterschied zu Ländern mit eigener Währung liegt den Autoren zufolge in der Rolle der Europäischen Zentralbank. In den USA oder Großbritannien reagiert die Notenbank meist mit Zinserhöhungen, sobald expansive Fiskalpolitik Nachfrage und Inflation anheizt, und bremst den Effekt so wieder aus.

Die EZB legt den Leitzins dagegen für den gesamten Euroraum fest und rührt sich nicht, wenn ein einzelnes Land seine Ausgaben erhöht. Ider zufolge verändere die gemeinsame Geldpolitik damit die Spielregeln: Nationale Ausgabenprogramme würden nicht durch steigende Zinsen gedämpft, während preisdämpfende Steuersenkungen nicht von einer möglichen Zinssenkung profitieren, die ihre Wirkung sonst verstärken würde.

Investitionen wirken lang, Konsum wirkt schnell

Für ihre Analyse verbinden Ider und Rieth ein makroökonomisches Modell mit Eurostat-Quartalsdaten für zwölf Mitgliedsländer zwischen 1999 und 2023. Investitionen und Staatskonsum wirken beide stärker als Steuererleichterungen, allerdings auf unterschiedlichen Wegen. Investitionen in Infrastruktur regen private Investitionen an und erweitern den öffentlichen Kapitalstock – ihr Effekt bleibt auch nach vier Jahren noch nahe eins.

Staatskonsum kurbelt vor allem den privaten Konsum an, verliert seine Wirkung aber schneller und sinkt im selben Zeitraum auf rund 0,7. Steuersenkungen wirken von vornherein am schwächsten und kurzlebigsten: Nach spätestens vier Jahren ist ihr Effekt nahezu verpufft.

Kurzfristiger Nutzen gegen langfristige Risiken

Trotz der stärkeren Wirkung raten die Autoren nicht pauschal zu höheren Ausgaben. Höhere Ausgaben oder geringere Steuereinnahmen können die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen belasten und durch einen dauerhaft größeren Staatssektor sowie höhere Steuerlasten das langfristige Wachstum bremsen. Als Beispiel für eine national finanzierte Investitionsoffensive nennt die Studie das deutsche 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität.

Geplante Steuerentlastungen in Deutschland dürften dagegen kurzfristig nur moderate Konjunktureffekte auslösen, selbst wenn sie langfristig nötig sind. Würden mehrere Länder gleichzeitig ihre Ausgaben ausweiten, könnte dies eine geldpolitische Reaktion der EZB provozieren und die Effekte abschwächen – koordinierte Steuersenkungen dagegen würden wohl stärker wirken als hier ermittelt.


In aller Kürze
Im Euroraum wirken staatliche Ausgabenprogramme deutlich stärker als Steuersenkungen, weil die EZB auf einzelne Länder nicht mit Zinsschritten reagiert – Chance und Risiko zugleich für die Staatsfinanzen.


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