Mehr Bewegung auf dem Arbeitsmarkt: Berufswechsel im Aufwind
Der deutsche Arbeitsmarkt ist dynamischer als gedacht
Berufliche Neuorientierung ist längst kein Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil deutscher Erwerbsbiografien geworden – und das in einem Ausmaß, das viele Beobachter überraschen dürfte.
Ein überraschender Befund
Eine aktuelle IAB-Studie zeigt: Der Anteil der Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres den Beruf wechseln, ist zwischen 2013 und 2024 um 13 Prozentpunkte gestiegen. Männer wechseln dabei mit einem Plus von 16 Prozent deutlich häufiger als Frauen, bei denen der Zuwachs bei 10 Prozent liegt.
Dieser Befund widerspricht der verbreiteten Klage über einen zu trägen deutschen Arbeitsmarkt – zumal Ökonomen wie Bernd Fitzenberger und Christian Kagerl erst kürzlich vor stagnierender Produktivität gewarnt hatten.
Verdienstmotiv statt Existenzangst
Hinter einem Berufswechsel stecken meist zwei Beweggründe: Entweder drohende Arbeitslosigkeit zwingt zur Neuorientierung, oder bessere Verdienstchancen locken in ein anderes Tätigkeitsfeld.
Die Datenlage spricht für Letzteres. Berufswechsel gehen im Schnitt mit Lohnzuwächsen einher, besonders wenn der neue Beruf dem alten ähnelt – dann lassen sich vorhandene Kenntnisse leichter übertragen. Radikalere Wechsel infolge von Entlassungen bringen hingegen häufiger Lohneinbußen mit sich.
Konjunktur als Taktgeber
Auffällig ist der Zusammenhang mit der Konjunktur: In wirtschaftlich guten Phasen steigt die Mobilität kräftig, in Krisenzeiten sinkt sie. Besonders markant war der Sprung zwischen 2017 und 2018, während die Covid-19-Pandemie den Trend zunächst bremste.
Mittlerweile liegt die Mobilität wieder über dem Vor-Corona-Niveau – ein Indiz dafür, dass das Verdienstmotiv stärker wiegt als die Angst vor Jobverlust.
Geringverdiener wechseln häufiger – bei Männern
Auch das Lohnniveau prägt das Wechselverhalten. Bei Männern ist die Mobilität in schlecht bezahlten Berufen mit fast 38 Prozent am höchsten und sinkt mit steigendem Einkommen auf gut 23 Prozent im obersten Quintil. Wer in hochbezahlten Berufen mit spezifischen Qualifikationen arbeitet, hat schlicht mehr zu verlieren – und die Hürden für einen Wechsel liegen höher.
Bei Frauen zeigt sich ein anderes Muster: Die höchste Mobilität findet sich im mittleren Lohnsegment, was möglicherweise mit häufigeren Wechseln in Teilzeit nach der Geburt eines Kindes zusammenhängt.
Kein Effekt der Digitalisierung
Bemerkenswert ist zudem, worauf der Anstieg nicht zurückgeht: Er lässt sich kaum durch eine wachsende Bedeutung besonders wechselfreudiger Berufe erklären, etwa infolge der Digitalisierung. Stattdessen ist die Mobilität in den meisten Berufen gleichermaßen gestiegen – über alle Lohnklassen hinweg.
Chance für den Strukturwandel
Die Studienautoren Mara Buhmann und Bernd Fitzenberger sehen darin ein positives Signal für den wirtschaftlichen Strukturwandel. Angesichts von zuletzt bis zu 1,7 Millionen offenen Stellen und einer Fachkräftelücke von über 40 Prozent könnte mehr berufliche Beweglichkeit dazu beitragen, Arbeitskräfte dorthin zu lenken, wo sie tatsächlich gebraucht werden – und so die schwache Produktivitätsentwicklung in Deutschland anzukurbeln.
Offen bleibt allerdings, wie stark sich der Trend tatsächlich auf die Produktivität ausgewirkt hat, und wie sich die Mobilität in wirtschaftlich schwierigeren Phasen künftig stabilisieren lässt.
In aller Kürze
Berufswechsel in Deutschland haben zwischen 2013 und 2024 deutlich zugenommen – bei Männern stärker als bei Frauen. Der Trend läuft prokonjunkturell und zieht sich durch fast alle Berufe und Lohnklassen.
VERWEISE
siehe auch:
Erwerbstätigkeit sinkt weiter – Arbeitsmarkt bleibt im Abwärtstrend Der deutsche Arbeitsmarkt verliert weiter an Schwung. Im Juni 2026 waren rund 45,54 Millionen Menschen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig. Das Statistische Bundesamt …
BA: »Arbeitslosigkeit steigt vor allem jahreszeitlich bedingt« »Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nehmen vor allem aus jahreszeitlichen Gründen im Juli spürbar zu. Insgesamt setzt sich am Arbeitsmarkt die schwache Entwicklung der letzten …
BA-X im Juli 2026: »Kräftenachfrage insgesamt weiter in Seitwärtsbewegung« Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA-X), ein saisonbereinigter Indikator für die Arbeitskräftenachfrage in Deutschland, blieb von Juni auf Juli 2026 …
