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OECD: Deutschland zählt zu den Ländern mit tiefen Defiziten
Fast ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in den OECD-Ländern verfügt nicht über ausreichende Lese- oder Rechenkompetenzen, um im Alltag und im Beruf souverän zurechtzukommen.
Das geht aus dem neuen OECD-Bericht »Navigating Life with Low Literacy and Numeracy« hervor, der auf der PIAAC-Erwachsenenkompetenzstudie 2023 basiert. Der Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren in elf von 27 untersuchten Ländern spürbar gestiegen – nur in Dänemark und Finnland ging er zurück.
Große Unterschiede zwischen den Ländern
Die Bandbreite ist enorm: In Japan gelten nur 13 Prozent der Erwachsenen als gering literalisiert oder rechenschwach, in Chile sind es 61 Prozent. Deutschland liegt mit 26 Prozent leicht unter dem OECD-Durchschnitt, zählt aber trotzdem zur Gruppe der Länder mit »tiefen Defiziten« – gemeinsam mit Chile, Dänemark, Finnland, Frankreich, Israel, den Niederlanden, Portugal und der flämischen Region Belgiens.
Der Unterschied zu schwellennahen Ländern wie Kanada, Polen oder Spanien: Wer hierzulande zur Gruppe der Geringqualifizierten zählt, ist im Schnitt weiter von grundlegender Kompetenz entfernt, und die Gruppe ist in sich heterogener. Kurze, punktuelle Kurse reichen für diese Zielgruppe kaum aus; notwendig wären intensive, langfristig angelegte Angebote.
Österreich (32 Prozent) und die Schweiz (25 Prozent) fallen dagegen in eine andere Kategorie: die der »Literacy-Gap-Länder«, gemeinsam mit Lettland, Norwegen und Singapur. Hier ist vor allem die Lesekompetenz das Problem, während die Rechenkompetenz vergleichsweise stark ausgeprägt ist – ein Muster, das die Studie mit sprachlicher Integration in Verbindung bringt. In Österreich gaben rund 20 Prozent der Befragten eine andere Erstsprache als Deutsch an; in der Schweiz ist über die Hälfte der gering Kompetenten im Ausland geboren.
Handfeste Folgen für Beruf und Gesundheit
Geringe Grundkompetenzen schlagen sich unmittelbar im Lebensalltag nieder. Betroffene sind rund ein Drittel seltener erwerbstätig als Erwachsene mit mittlerem Kompetenzniveau, verdienen im Schnitt etwa fünf US-Dollar weniger pro Stunde.
Deutschland und die Schweiz zeigen dabei besonders ausgeprägte Effekte: In Deutschland gehört der Unterschied in der Erwerbsinaktivität zwischen gering und mittel Kompetenten zu den größten im gesamten Vergleich (über 15 Prozentpunkte), in der Schweiz ist die bereinigte Lohnlücke sogar die höchste aller untersuchten Länder – über 10 Dollar pro Stunde, trotz einer eigentlich kompakten Lohnstruktur. Hinzu kommen in allen Ländern schlechterer Gesundheitszustand, geringere Lebenszufriedenheit und weniger Vertrauen in andere Menschen und Institutionen.
Wichtig ist der Befund, dass es sich keineswegs um eine einheitliche Gruppe handelt. Zwei Drittel der Betroffenen sind sowohl in Lesen als auch in Rechnen schwach, ein erheblicher Teil aber nur in einem der beiden Bereiche. Selbst innerhalb der Gruppe mit Leseschwierigkeiten unterscheiden sich die Profile: Ein Teil kann Sätze zwar verstehen, liest aber langsam und mühsam; ein anderer Teil kämpft grundsätzlich mit dem Textverständnis.
Deutschland, Österreich und die Schweiz zählen alle drei zu den Ländern mit den langsamsten Lesegeschwindigkeiten unter den Geringqualifizierten. In Deutschland dominiert dabei das Profil der »kämpfenden Leserinnen«, in Österreich sind sowohl »mühsame« als auch »kämpfende« Leserinnen überdurchschnittlich vertreten – in beiden Fällen ein Muster, das stark mit Migrationshintergrund zusammenhängt.
Weiterbildung erreicht die Falschen
Der Bericht benennt ein zentrales Paradox der Erwachsenenbildung: Wer die Unterstützung am nötigsten hätte, nimmt sie am seltensten in Anspruch. Die Teilnahmequoten von gering qualifizierten Erwachsenen an Weiterbildung liegen etwa halb so hoch wie im Rest der Bevölkerung – ein selbstverstärkender Mechanismus, den die Autoren als »Matthäus-Effekt« bezeichnen. Passive Angebote, die lediglich beworben werden, laufen für diese Zielgruppe weitgehend ins Leere. Wirksamer sei aktive Ansprache über vertraute Vermittler wie Betriebe, Gewerkschaften, Gesundheitsdienste oder soziale Einrichtungen, kombiniert mit praxisnahen, ausreichend intensiven Lernformaten direkt am Arbeitsplatz.
Für den deutschsprachigen Raum nennt der Bericht konkrete Beispiele: In Deutschland das Projekt ABC+, eine kostenlose, per Smartphone nutzbare Plattform für arbeitsplatzbezogene Lese- und Schreibförderung, sowie das Kölner ABAG-Projekt, das über betriebliche Vorgesetzte niedrigschwellige Angebote vermittelt. Als vorbildlich gilt zudem das System der Bildungsgutscheine, das Kostenübernahme, Fortzahlung des Arbeitslosengeldes und Abschlussprämien miteinander verknüpft.
In Österreich wird eine mobile Lernwerkstatt hervorgehoben, die IT- und Kommunikationstraining direkt in ländliche Gemeinden bringt. Die Schweiz dient mit dem kantonalen Programm »Einfach besser! … am Arbeitsplatz« als Beispiel dafür, wie sich Sensibilisierung und praxisnahes Angebot dezentral, aber mit nationaler Finanzierung und Koordination verbinden lassen.
Was die Studie insgesamt fordert
Aus der Analyse ziehen die Autoren drei Schlussfolgerungen. Erstens sei das Problem groß, wachsend und folgenreich – ein strukturelles Merkmal moderner Volkswirtschaften, kein Randphänomen. Zweitens unterscheide sich die Herausforderung grundlegend zwischen Ländern und Bevölkerungsgruppen: Ähnliche Gesamtanteile können völlig unterschiedliche Probleme verschleiern, weshalb generische Politikmaßnahmen ungeeignet seien. Die Studie unterscheidet dafür vier Ländertypen – schwellennahe Länder, Länder mit tiefen Defiziten wie Deutschland, sowie Literacy-Gap-Länder wie Österreich und die Schweiz und Numeracy-Gap-Länder –, die jeweils eine andere politische Priorität nahelegen.
Drittens liege das Hauptversagen bestehender Weiterbildungssysteme darin, genau jene Erwachsenen nicht zu erreichen, die am meisten profitieren würden. Der Bericht fordert deshalb aktive Ansprache statt passiver Angebote, eine auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmte Intensität – und systematische Prävention durch frühkindliche Bildung, um die Weitergabe geringer Kompetenzen über Generationen zu durchbrechen.
In aller Kürze
Fast ein Drittel der OECD-Erwachsenen hat zu geringe Lese- oder Rechenkompetenzen. Deutschland zählt zu den Ländern mit tiefen Defiziten, Österreich und die Schweiz zu den Literacy-Gap-Ländern – und ausgerechnet die Betroffenen erreicht Weiterbildung am seltensten.
VERWEISE
- OECD-Studie »Navigating Life with Low Literacy and Numeracy« ...
- vgl. hierzu auch: Forschungsbericht »Subjektive Sichtweisen auf Grundkompetenzen: Gründe für eine Nicht-Teilnahme an Angeboten« ...
