Bildungswege als Verstärker sozialer Ungleichheit
.png)
Bildungschancen: Ungleich verteilt, ungleich vererbt
Wer in Deutschland arm oder mit wenig formaler Bildung im Elternhaus aufwächst, trifft im Bildungssystem immer wieder auf dieselbe Hürde: Übergänge. Der Wechsel von der Kita in die Schule, von der Grundschule aufs Gymnasium, von der Schule in die Ausbildung – all das sind Momente, an denen sich eigentlich Chancen öffnen sollten. Tatsächlich verfestigen sie häufig genau jene Ungleichheiten, die sie eigentlich ausgleichen sollen.
Zu diesem Schluss kommen neue Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und mehrerer Kooperationspartner, veröffentlicht im Forschungsmagazin »DJI Impulse« unter dem Titel »Bildung ohne Barrieren«.
Besonders gefährdet sind junge Menschen mit Behinderungen sowie Kinder aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien. Susanne Kuger, Forschungsdirektorin des DJI, fordert deshalb ein Umdenken: Unterstützung dürfe nicht an institutionellen Zuständigkeiten enden, sondern müsse Bildung, Soziales und Gesundheit konsequent vom Kind und seiner Familie aus mitdenken. Nur so ließen sich Lücken schließen, ohne Doppelstrukturen aufzubauen.
Sprachliche Auffälligkeiten schon vor der Einschulung
Die Weichen werden früher gestellt, als man denkt. Erstmals hat das DJI für den nationalen Bildungsbericht 2026 Schuleingangsuntersuchungen aus den Bundesländern ausgewertet – trotz unterschiedlicher Verfahren zeigt sich im Zehnjahresvergleich ein klarer Trend: Auffälligkeiten in Sprache, Mathematik und kognitiven Vorläuferfähigkeiten nehmen zu. 2025 betraf das bundesweit ein Viertel aller Kinder im Bereich Sprache.
Dabei könnten frühkindliche Bildungsangebote gerade hier ausgleichend wirken. Die DJI-Kinderbetreuungsstudie KiBS zeigt jedoch das Gegenteil: Unter-Dreijährige aus sozioökonomisch benachteiligten Familien besuchen seltener eine Kita – 2024 lag die Beteiligungsquote bei Kindern mit niedrigem elterlichem Bildungsabschluss bei 20 Prozent, bei hohem Abschluss fast doppelt so hoch bei 39 Prozent. Wie ernst die Politik das Problem nimmt, verdeutlicht ein Interview mit Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien im aktuellen Heft.
»Diagnostik allein verbessert noch keine Bildungschancen«
Nur acht Bundesländer verpflichten Kinder mit festgestelltem Förderbedarf zur Teilnahme an entsprechenden Maßnahmen, so eine DJI-Analyse. Hinzu kommt ein Flickenteppich paralleler Diagnoseverfahren, der Kinder zusätzlich belastet. Susanne Kuger mahnt: Eine Zusammenlegung der Verfahren für Sprachstandserhebung, Entwicklungsdokumentation und Schuleingangsuntersuchung sei zwar sinnvoll, reiche aber nicht aus. Erst wenn passgenaue Angebote sowie ausreichend Personal und Finanzmittel bereitstünden, entfalte Diagnostik ihren Nutzen – andernfalls drohe mehr Diagnostik vor allem zu mehr Selektion zu führen.
Wie sich das bei Kindern mit Behinderungen bereits negativ auswirkt, schildert Bildungsforscher Markus Gebhardt von der LMU München im Magazin.
Hohe Ziele, ungenutztes Potenzial
Auch beim Übertritt in die weiterführende Schule zählt die soziale Herkunft oft mehr als die tatsächliche Leistung – sie prägt Schulnoten, Lehrkraftempfehlungen und die Bildungsziele der Eltern gleichermaßen.
Unveröffentlichte Daten des DJI-Surveys AID:A zeigen: Benachteiligte Eltern wünschen sich seltener das Abitur für ihre Kinder als besser gestellte Familien. Gleichzeitig verfolgt die Mehrheit der befragten benachteiligten Eltern und Kinder ebenso hohe Bildungsziele wie andere auch. Die DJI-Forscherinnen Mirjam Weis und Christine Steiner sehen darin ungenutztes Potenzial, das stärker für individuelle Förderung genutzt werden sollte.
Enge Ausbildungswege, Nebenjobs als Sprungbrett
Wer nur einen Hauptschulabschluss hat, findet heute nur noch ein schmales Segment an Ausbildungsberufen mit geringem Prestige, warnen DJI-Forscherin Birgit Reißig und die Göttinger Wirtschaftspädagogin Susan Seeber. Der Mittlere Schulabschluss habe sich längst zur faktischen Zugangsvoraussetzung im dualen System entwickelt. Die Folge: Jährlich landen rund eine Viertelmillion Jugendliche im sogenannten Übergangssektor, der eigentlich den Einstieg erleichtern soll, durch wiederholte Wechsel zwischen Fördermaßnahmen aber oft selbst zur Verzögerung wird.
BIBB-Forschungsdirektor Hubert Ertl rät angesichts sinkender betrieblicher Ausbildungsplätze, bestehende Unterstützungsinstrumente bekannter zu machen und auszubauen.
Auch praktische Erfahrung zählt: Unveröffentlichte AID:A-Auswertungen zeigen, dass Jugendliche mit Nebenjob während der Schulzeit schneller den Sprung in die Berufsbildung schaffen. Ausgerechnet Jugendliche aus benachteiligten Familien, die davon am meisten profitieren könnten, nutzen diese Möglichkeit bislang am seltensten – nur ein Fünftel aller 14- bis 17-Jährigen jobbt überhaupt nebenbei.
Die Region entscheidet mit
Wie stark lokale Strukturen wirken, zeigt das DJI-Projekt »Inklusion in der beruflichen Bildung« (InBiT): Junge Menschen mit Behinderungen stoßen beim Übergang in Ausbildung und Arbeitsmarkt auf zahlreiche Barrieren. Passende regionale Strukturreformen können hier gegensteuern.
Datenbasiertes Bildungsmanagement und systematisches Monitoring helfen Kommunen und Landkreisen dabei, Bildungswege gezielter zu gestalten – und der Abwanderung junger Menschen aus strukturschwachen Regionen frühzeitig entgegenzuwirken, so Wissenschaftler*innen der DJI-Abteilung »Übergänge im Jugendalter«.
Hintergrund
Das Forschungsmagazin DJI Impulse berichtet über die wissenschaftliche Arbeit am DJI, einem der größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland. Regelmäßig schreiben Forschende über relevante Themen aus den Bereichen Kindheit, Jugend, Familie sowie Bildung und liefern Impulse für Politik, Wissenschaft und Fachpraxis.
In aller Kürze
Bildungsübergänge verstärken in Deutschland soziale Ungleichheit, statt sie abzubauen – von der Kita bis zur Berufsausbildung. Das DJI fordert vernetzte, regional angepasste Unterstützung.
