Zwischen Fachkräftemangel und Akademisierung: Der Wert eines Studiums

Themenkreis Studium und Lehre (Symbolbild)

Akademischer Lohnvorsprung schmilzt – Studium lohnt sich dennoch

Ein Hochschulabschluss zahlt sich in Deutschland weiterhin aus – auch wenn der finanzielle Vorsprung gegenüber einer beruflichen Ausbildung in den vergangenen Jahren spürbar kleiner geworden ist.

Das legt eine aktuelle Analyse des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) nahe, in der Jessica Ordemann und Friedhelm Pfeiffer die Entwicklung sogenannter Bildungsrenditen zwischen 2000 und 2023 nachzeichnen.

Im Fokus stehen jüngere Erwerbstätige zwischen 30 und 40 Jahren – eine Altersgruppe, in der sich die Akademisierung des Arbeitsmarkts besonders stark bemerkbar gemacht hat.

Trendwende ab etwa 2015

Bis zur Mitte der 2010er Jahre wuchs der Lohnvorteil von Akademikerinnen gegenüber beruflich Qualifizierten kontinuierlich. Seither kehrt sich dieser Trend um: Die Einkommensunterschiede zwischen beiden Gruppen gehen zurück. Dennoch verdienen Hochschulabsolventinnen im Durchschnitt nach wie vor mehr pro Stunde als Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung.

Ordemann zufolge zeigen die Ergebnisse, dass sich ein Studium trotz zunehmender Akademisierung weiterhin finanziell lohne – zugleich gewinne die berufliche Bildung wieder an Attraktivität.

Mehr Akademiker*innen, mehr Konkurrenz

Die Ursache für die abflachende Lohnkurve liegt der Studie zufolge im Arbeitsmarkt selbst. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Anteil der Hochschulabsolvent*innen unter den 30- bis 40-Jährigen nahezu verdoppelt, besonders kräftig bei Abschlüssen an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Parallel dazu ist der Anteil derjenigen mit ausschließlich beruflicher Ausbildung deutlich gesunken.

Diese zunehmende Akademisierung trifft seit 2015 auf einen wachsenden Fachkräftemangel – eine Kombination, die den Wettbewerb unter akademisch gebildeten Fachkräften verschärft und die Lohnabstände schrumpfen lässt.

Dabei spielt auch die Wahl des Studienfachs eine Rolle. Pfeiffer zufolge hat sich der Lohnwettbewerb besonders unter Absolvent*innen der Geistes- und Sozialwissenschaften verstärkt – jener Fachrichtung, die überproportional zur Akademisierung beigetragen hat, verglichen mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften.

Arbeitszeit als zweiter Faktor

Nicht nur der Stundenlohn, auch die geleistete Arbeitszeit prägt das tatsächliche Einkommen. Unterschiede im Monatseinkommen lassen sich daher nicht allein über unterschiedliche Stundenlöhne erklären.

Die Studie zeigt zugleich einen gesellschaftlichen Nebeneffekt: Die Arbeitszeiten von Frauen und Männern haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich angenähert – ein Umstand, der zur Verringerung der Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern beigetragen hat.

Orientierung, keine Gewissheit

Für die Autor*innen sind Bildungsentscheidungen langfristige Investitionen, deren Ertrag stark von der künftigen Arbeitsmarktentwicklung abhängt. Durchschnittliche Bildungsrenditen könnten Studienberechtigten zwar eine Orientierung bieten, eine individuelle Abwägung ersetzten sie aber nicht. Die Bildungspolitik stehe deshalb vor der Aufgabe, sowohl Studieninteressierten als auch beruflich Qualifizierten transparente Informationen über die langfristigen Chancen unterschiedlicher Bildungswege bereitzustellen. Dazu gehörten künftig, so Ordemann, verstärkt auch fachspezifische Analysen – nicht nur durchschnittliche Einkommensaussichten.

Unterm Strich bestätigt die Untersuchung ein zweigeteiltes Bild: Der finanzielle Vorsprung eines Studiums ist seit 2015 kleiner geworden, besteht aber fort. Gleichzeitig gewinnt die berufliche Bildung angesichts des Fachkräftebedarfs an Boden – eine Entwicklung, die den Arbeitsmarkt der kommenden Jahre mitprägen dürfte.


In aller Kürze
Der Lohnvorteil von Akademiker*innen gegenüber beruflich Qualifizierten sinkt seit 2015, ein Studium bleibt aber finanziell attraktiv – berufliche Bildung gewinnt parallel an Boden.


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