Wenn ein Euro für Junge doppelt so viel wert ist

Themenkreis Verschiedenes (Symbolbild)

Plant der Sozialstaat an den Jungen vorbei?

Jahrzehntelang galt Altersarmut als das große soziale Problem westlicher Gesellschaften. Die Rentensysteme wurden entsprechend ausgebaut, und tatsächlich sank die Armut unter Älteren spürbar.

Heute hat sich das Bild gedreht: Junge Erwachsene tragen inzwischen das größte Armutsrisiko – die Sozialsysteme haben darauf aber kaum reagiert. Das legt eine neue Studie The Welfare Case for Targeting Young Adults der Ökonomin Marion Brouard vom ifo Institut nahe, veröffentlicht im EconPol Forum.

In Frankreich haben 18- bis 24-Jährige mittlerweile den niedrigsten Lebensstandard aller Erwachsenengruppen; fast jeder Vierte lebt unterhalb der Armutsgrenze, die Quote ist seit den frühen 2000er-Jahren um sechs Prozentpunkte gestiegen. Ein rein französisches Phänomen ist das nicht: In der Europäischen Union gilt rund ein Fünftel der 16- bis 29-Jährigen als armutsgefährdet – ein gutes Viertel mehr als in der übrigen erwerbsfähigen Bevölkerung.

Die Absicherungssysteme hinken dieser Entwicklung hinterher. Der französische Mindestsicherungssatz, das Revenu de Solidarité Active, steht Menschen unter 25 grundsätzlich nicht offen. In den USA schließt die Steuergutschrift für Geringverdienende, der Earned Income Tax Credit, kinderlose Erwerbstätige unterhalb dieser Altersgrenze weitgehend aus.

Vier Faktoren entscheiden über den Wert eines Euro

Brouard geht der Frage nach, ob ein Euro staatlicher Unterstützung bei jungen Erwachsenen einen größeren gesellschaftlichen Nutzen stiftet als bei Menschen zwischen 45 und 55 Jahren, die typischerweise am meisten verdienen und sparen. Vier Größen bestimmen die Antwort: der tatsächliche Bedarf, mögliche Verdrängungseffekte innerhalb der Familie, gesellschaftliche Präferenzen für Umverteilung sowie die fiskalischen Kosten der Transfers.

Grundlage der Analyse sind anonymisierte Banktransaktionsdaten von rund 550.000 Personen aus den Jahren 2018 bis 2026, ergänzt um eine Befragung von mehr als 1.300 repräsentativ ausgewählten Erwachsenen in Frankreich. Für etwa 19.000 junge Erwachsene ließ sich sogar nachvollziehen, wie viel Geld monatlich von den Eltern floss.

Junge geben schneller aus, was sie bekommen

Wer wenig hat, für den zählt ein zusätzlicher Euro mehr. Das bestätigt die Auswertung der Konsumdaten: Alleinlebende junge Erwachsene geben monatlich etwa ein Drittel weniger aus als Ältere – ein Hinweis auf deutlich engere finanzielle Spielräume. Nach Berechnungen Brouards ist ein Euro jungen Erwachsenen mehr als doppelt so viel wert wie älteren.

Eine zweite Messmethode bestätigt den Befund. Rund um zwei staatliche Einmalzahlungen – eine Beihilfe für einkommensschwache junge Menschen und ein jährliches Schulgeld für Familien – verglich die Studie das Ausgabeverhalten von Empfängern mit dem vergleichbarer Nicht-Empfänger.

Ergebnis: Junge Erwachsene geben rund 45 Cent jedes zusätzlichen Euro sofort wieder aus, Ältere nur 24 Cent. Das knappe finanzielle Polster der Jüngeren lässt zusätzliches Geld fast ungebremst in den Konsum fließen.

Familien federn kaum ab

Ein naheliegender Einwand: Zahlt der Staat mehr, ziehen sich die Eltern einfach zurück, und am Ende bleibt für die jungen Erwachsenen nichts übrig. Die Daten zeigen, dass dieser Effekt gering ausfällt.

Verdient ein junger Mensch in einem Monat mehr, kürzen die Eltern ihre Unterstützung im Schnitt nur um vier bis sechs Cent je zusätzlichem Euro – selbst unter vorsichtigen Annahmen zu nicht erfassten Zahlungswegen wie direkt übernommener Miete liegt die Grenze bei rund zwölf Cent. Unterm Strich kommen rund 88 Prozent eines staatlichen Transfers tatsächlich bei den jungen Erwachsenen an.

Nicht das Alter zählt, sondern die Einkommenslücke

Auch die gesellschaftliche Akzeptanz spricht für eine stärkere Förderung junger Menschen. In der Befragung sollten Teilnehmende eine feste Summe zwischen einem fiktiven jungen und einem fiktiven älteren Empfänger aufteilen – mit den jeweils typischen Einkommen ihrer Altersgruppe.

Im Schnitt bewerteten die Befragten einen Euro für junge Erwachsene rund 25 Prozent höher als einen für Ältere. Sobald beide Gruppen dasselbe Einkommen hatten, kehrte sich das Bild jedoch leicht um: Dann bevorzugten die Befragten die Älteren um etwa zehn Prozent. Nicht das Alter an sich treibt die Präferenz für Umverteilung also, sondern die reale Einkommenslücke zwischen den Generationen.

Förderung junger Menschen ist sogar günstiger

Selbst bei den Kosten schneidet die junge Generation besser ab. Ein Euro für ältere Menschen verringert durch reduziertes Arbeitsangebot leicht das Steueraufkommen; der Staat zahlt effektiv rund 1,04 Euro je transferiertem Euro.

Bei jungen Erwachsenen wirkt ein gegenläufiger Effekt: Zusätzliche Unterstützung hilft ihnen, länger in Ausbildung zu bleiben, was künftige Einkommen und Steuerzahlungen erhöht. Unter dem Strich kostet ein Euro für junge Menschen den Staat nur rund 0,865 Euro.

Fazit der Studie

Multipliziert man Bedarf, Verdrängungseffekt und gesellschaftliche Präferenz und stellt dem die Kostenseite gegenüber, ergibt sich: Ein Euro für junge Erwachsene erzeugt etwa dreimal so viel gesellschaftlichen Nutzen wie derselbe Euro für Ältere.

Das bedeutet nicht, bestehende Absicherungen für Ältere infrage zu stellen – wohl aber, die Verteilung öffentlicher Mittel stärker an die tatsächliche Lage anzupassen. Besonders wirksam sind dabei Transfers, die jungen Menschen den Verbleib in Bildung erleichtern, weil sie sich über künftige Steuerzahlungen teilweise selbst finanzieren.


In aller Kürze
Eine ifo-Studie zeigt: Ein Euro Sozialtransfer bringt jungen Erwachsenen dreimal mehr gesellschaftlichen Nutzen als älteren – Wohlfahrtsstaaten fördern aber weiter vor allem Ältere.


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